The Train (1964) – Filmkritik - Fluxkompensator (2024)

„Kinetische Kinematografie“

Bevor ich mich in die 1970er begebe und, wie in meinem Einführungstext versprochen, Kameramann Vilmos Zsigmond etwas näher widme, zunächst noch etwas J.F. :

John Frankenheimer hatte ich kürzlich in meiner Besprechung zu 52 PICK-UP (1986) zum Thema, doch im Zuge meiner #FLUXVergangenheitsblicke möchte ich noch etwas weiter zurückschauen. Frankenheimer hatte seine stärkste Phase zweifellos in den 1960ern, als er mit seiner inoffiziellen Paranoia-Trilogie – BOTSCHAFTER DER ANGST (THE MANCHURIAN CANDIDATE, 1962), SIEBEN TAGE IM MAI (SEVEN DAYS IN MAY, 1964) und DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE (SECONDS, 1966) – sowie dem nun besprochenen Film großen Ruhm erntete und sich in der Filmwelt unsterblich machte.

The Train (1964) – Filmkritik - Fluxkompensator (1)

THE TRAIN – im dt. Kinotitel DER ZUG – ist ein Musterbeispiel für einen mitreißenden Klassiker, der zudem von feiner Kameraarbeit und grandiosem Schauspiel gesegnet sind. Burt Lancaster (DER LEOPARD), selbst einmal Trapez- und Zirkusartist im echten Leben, bringt in diesem wuchtigen WWII-Actiondrama alle Stunts selbst. Auch so wirkt es, als wäre die Kamera in jeder erdenklichen Szene an der Abtastung jeglicher Schattierungen und Stimmungslagen interessiert – so reichhaltig und sättigend wirkt dieser Film auf den Zuschauer. THE TRAIN ist einer der intelligentesten und am besten choreografierten Kriegsfilme überhaupt.

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Inhalt

Die Nazis räumen wertvolle Original-Gemälde aus einem Pariser Museum. Ob aufgrund ideologischen oder materiellen Werts: es gibt in der Folge Anlass für die wohl spektakulärste Zugfahrt der Kriegsfilmgeschichte. Paul Labiche (Lancaster) bricht als stellvertretendes Mitglied der Résistance aus seinem zurückhaltenden, vorsichtigen Verhalten gegenüber den deutschen Besatzern aus. Mit seinen Kameraden (u.a. Albert Rémy als Didont) schmiedet der zum Zugführer befohlene Bahnhofsaufseher einen ausgeklügelten Plan, um die Nazis in die Irre zu führen. Diesen Plan muss man einfach gesehen haben.

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Inszenierung

Regie-Veteran John Frankenheimer (RONIN, 1998) liefert kraftvolle, kinetische Schwarzweiß-Bilder und beinharte Action. Also auch für alle Farbfilm-Fetischisten unter Euch: THE TRAIN, fotografiert auf hochwertigstem SW-Film und entwickelt via Laboratoires Franay L.T.C. Saint-Cloud, kommt gerade in der aktuellen Blu-ray-Veröffentlichung hinsichtlich Detailreichtum und beeindruckender Palette von Helligkeit/Kontrast verdammt gut auf einem großen Screen zuhause. Es gibt sie zur Genüge: die wirklich tollen Schwarzweiß-Filme, bei denen man auch nach heutigen Sehgewohnheiten nach einiger Zeit vergisst, keine Farben zu sehen, weil einen das Gesehene in seiner Vielfalt schier umhaut.

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Für die damalige Zeit waren die Action und Stunts in THE TRAIN absolute Referenz – hier werden noch echte, tonnenschwere Loks samt Wagons umgestürzt, und es sieht natürlich niemals wie unfokussierte Dominospiel-Action aus dem Rechner aus. Diese akribisch gefilmten Bilder (aus allen möglichen Perspektiven) besitzen eine Energie, eine kinetische Kraft, die beim Betrachten vollends mitreißt. Da perlt der Schweiß von Burt Lancasters kernigem Gesicht, da schießen regelmäßig Dampfwände empor, eine Schicht aus Kohleschlieren und Öl scheint mit der Zeit über allen Figuren und Gegenständen zu liegen. THE TRAIN ist handwerklich perfekt, ungekünstelt und besitzt die Kraft von zehn Pottwalen.

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Inmitten dieser Kraft und Rohheit entwickelt sich dann noch eine der existenziellsten Geschichten überhaupt, mit Tiefgang und viel Gefühl. Natürlich geht es gerade in Kriegszeiten immer um die Existenz an sich. Die wahre Natur der Menschen – hier auch differenziert innerhalb der „Guten“ und nicht als bloßer, schematischer Vergleich zwischen Nazis und Alliierten – sie trägt viele Facetten der Trauer und Grausamkeit mit sich. Ohne jetzt zu viel zu verraten, ist THE TRAIN, nicht nur aufgrund seines überaus nachdenklich stimmenden Finales, einer derjenigen Filme, der mich nach dutzenden Sichtungen soliden Augenfutters in letzter Zeit mal wieder so richtig ausgiebig beschäftigte. In herausragenden Bildern wird hier auf berührende wie auch dramatische Weise nicht weniger als die Frage gestellt, was ein Menschenleben ausmacht. Wenn es ein Film, egal welchen Alters oder Genres heute noch schafft, mich mehr als zwei, drei Tage in Gedanken zu begleiten, dann bin ich überaus zufrieden und glücklich…

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…glücklich darüber, wohl mein Leben lang immer wieder Perlen zu entdecken und die Filmgeschichte in ihrer Fülle als massives Reservoir zu erleben, das sich nur geringfügig erschöpft. THE TRAIN jedenfalls ist für mich der beste Film seines Machers nach dem brillanten SECONDS – und der rangiert auf ewig in meinen persönlichen Top Ten. (Hier wird es auch endlich mal Zeit für eine deutschsprachige HD-Veröffentlichung, da dessen Bedeutung innerhalb der Filmgeschichte über Jahrzehnte anwuchs und ihn trotzdem kaum jemand kennt.)

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Wozu ich aktuell keine Informationen erhalten kann: THE TRAIN dauert in seiner ungekürzten Fassung 133 Minuten und diese ist auch auf der deutschsprachigen Blu-ray enthalten. Auf IMDb ist dann noch von einer zusätzlichen UK-Laufzeit von 140 Minuten die Rede, wobei die Arrow Video Blu-ray aus Englang die gleiche Laufzeit wie die deutsche VÖ aufweist. Ich bin mir also momentan nicht sicher, tatsächlich die komplett ungekürzte Fassung gesehen zu haben bzw. ob diese irgendwo auf Film existiert. (Noch ein Kuriosum hinsichtlich Altersfreigabe: in England mit dem äußerst milden PG abgesegnet, ist THE TRAIN hierzulande immer noch FSK18).

Kein Bock auf Lesen? hier könnt ihr euch das Ganze auf Deep Red Radio von Stefan vorlesen lassen:

Titel, Cast und CrewDer Zug (1964)
OT: The Train
PosterThe Train (1964) – Filmkritik - Fluxkompensator (9)
ReleaseMediabook, Steelbook oder Blu-ray
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The Train (1964) – Filmkritik - Fluxkompensator (10)The Train (1964) – Filmkritik - Fluxkompensator (11)
RegisseurJohn Frankenheimer
Trailer Englisch
DarstellerBurt Lancaster (Paul Labiche)
Paul Scofielf (Col. Franz von Waldheim)
Jeanne Moreau (Christine)
Suzanne Flon (Mlle. Villard)
Michel Simon (Papa Boule)
Wolfgang Preiss (Major Herren)
Albert Rémy (Didont)
DrehbuchFranklin Coen
Frank Davis
Buchvorlage"Le Fron De L'Art" von Rose Valland
MusikMaurice Jarre
KameraJean Tournier
Walter Wottitz
SchnittDavid Bretherton
Gabriel Rongier
Filmlänge133 Minuten
FSKab 18 Jahren

Stefan Jung

Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen

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